Nara stolpert einen Absatz herunter und landet unsanft auf dem
Kopfsteinpflaster. Es ist pechschwarz. Eine fast schon greifbare,
unerträgliche Stille drückt auf ihre Ohren. Sie bleibt einen Moment
sitzen, atmet tief aus und schaut empor in den nächtlichen Himmel. Dann
fängt sie an zu lachen.
“Nara, du bist ein böses Mädchen.” Sie seufzt. “Wie gerne hätte ich
das Gesicht des Kardinals gesehen.”
Sie steht auf und dreht sich zum Portal um. Es blendet förmlich in der
Dunkelheit und taucht die nähere Umgebung in ein blasses Blau. Sie
streckt die Hand aus. Kurz bevor sie es erreicht, prallt sie gegen eine
unsichtbare Wand.
“War ja klar.” Sie zieht die Hand zurück. “Also definitiv kein
Zurück.”
Sie dreht sich um und versucht ihre Umgebung einzuschätzen. Sie befindet
sich auf einem größeren Platz, gesäumt von verfallenen Gebäuden. Am Rand
häufen sich einige Bretterstapel, die wohl einmal Marktstände gewesen
sein müssen.
“Erstmal muss ich dieses blöde Kleid loswerden.” Sie greift nach
hinten zu den Maschen, doch ihre Finger greifen ins Leere. Sie dreht
sich. Und nochmal. "Arrgh, diese verdammten Kirchenfutzis! “Warum
mussten sie mich unbedingt in ein Kleid zwängen?!”
Mit einem geschickten Griff zieht sie ein Messer unter ihrem Rock hervor
und beginnt das Kleid zu zerschneiden. Zum Vorschein kommt eine einfache
Lederrüstung.
Sie atmet tief durch. “Endlich.”
Sie wirft die Fetzen des weißen Kleides auf den Boden und betrachtet sie
einen Moment. Dann tritt sie trotzig drauf.
Sie dreht sich um und mustert den Platz. Das Blau des Portals beleuchtet
die Umgebung sanft, doch die Stille ist unerträglich.
“Okay”, sagt sie laut, nur um etwas zu hören. Die Stille antwortet
nicht.
Sie schluckt. Wie viele Nächte hatte sie so dagelegen? Kein Fernseher,
kein Handy, nur die Decke und das Summen des Kühlschranks. Hier ist gar
nichts, kein Wind, kein Vögel, nicht mal das Portal macht Geräusche.
“Nicht jetzt”, sagt sie zu sich selbst. “Erst Unterschlupf, dann
Existenzkrise.”
Sie dreht sich langsam im Kreis und versucht die Gebäude einzuschätzen.
Im Portalblau sind es nur Schatten und Konturen. Eines der größeren
Gebäude rechts könnte eine Scheune sein. Oder ein Lagerhaus?
“Links von dir.”
Nara erstarrt.
In einer einzigen flüssigen Bewegung fährt ihre Hand zu ihrem
Oberschenkel und zieht das Messer. Sie dreht sich auf dem Absatz, den
Rücken zum Portal, die Klinge vor sich. Die Stimme klang so, als hätte
ihr jemand direkt ins Ohr geflüstert und irgendwie kommt ihr die Stimme
auch bekannt vor.
“Wer ist da?!” Ihre Stimme hallt über den Platz. Die Schatten
verschluckt sie.
Nichts. Keine Bewegung, keine Schritte, nur das schwache Flackern des
Portals hinter ihr. Sie wartet. Sekunden dehnen sich wie Stunden. Ihr
Herz hämmert. Niemand tritt aus den Schatten. Niemand antwortet.
Langsam, ohne die Klinge zu senken, dreht sie sich nach links. Dort
steht ein breites Gebäude, zwei Stockwerke hoch. Was einst ein Schild
über der Tür gehabt haben muss, die Halterung hängt noch, rostig und
schief. Auf dem Boden liegt noch das Schild mit einer verblichenen
Zeichnung eines Goblins mit Bierkrug. Durch die angelehnte Tür ist
nichts als Dunkelheit zu sehen.
Sie steht noch einen langen Moment reglos da. Dann senkt sie das Messer,
aber steckt es nicht weg.
“Habe ich mir das eingebildet?”, flüstert sie. “Was solls, irgendwo
muss ich eh anfangen”
Nara stößt die Tür mit dem Fuß auf. Die Tür gibt mit einem langen
Quietschen nach und sie tritt ein, die Klinge noch in der Hand.
“Home sweet home?”
Im blassen Blau, das durch die Tür fällt, erkennt sie das Ausmaß der
Verwüstung. Umgeworfene Tische, zerbrochene Stühle, ein langer Tresen,
dessen Regal eingestürzt ist. Alles unter einer dicken Staubschicht.
Spinnweben hängen zwischen den Deckenbalken. Scherben bedecken den
Boden.
“Hier hat sich jemand ordentlich ausgetobt”, murmelt sie.
Sie tritt vorsichtig ein und bleibt plötzlich stehen. Am Boden, halb
unter einem umgestürzten Tisch, liegt ein Skelett. Zu groß für einen
Menschen. Sie weicht einen Schritt zurück, die Klinge vor sich.
Dann hält sie inne.
Sie tritt näher und kauert sich hin. Der Schädel ist massiv und in zwei
geteilt, die Kiefer vorstehend, die Zähne spitz wie Meißel. Definitiv
nicht menschlich.
“Ein Ork”, flüstert sie. Dann lauter, als müsste sie es sich selbst
beweisen. “Das ist ein Ork, vermute ich zumindest.” Sie steht auf und
hält sich eine Hand vor den Mund. “Die Geschichten sind also wahr.”
Ihre Gedanken rasen, bis sie seufzt “Na super.”
Sie steigt über das Skelett und beginnt den Rest zu erkunden. Hinter dem
Tresen: eingedrückte Fässer, mehr Scherben. Die Treppe knarrt unter
ihren Schritten. Oben mehrere Schlafzimmer, alle unbrauchbar und der
Keller sieht auch nicht besser aus. Zumindest wirkt das Haus noch
halbwegs intakt und stabil.
Sie steigt zurück in den Hauptraum, stellt einen Stuhl aufrecht und
schiebt ihn an einen Tisch, dessen Beine noch vollzählig sind. Sie setzt
sich, legt das Messer vor sich und stützt ihren Kopf mit den Ellbogen
auf den Tisch.
“Also.” Sie atmet aus. “Prioritäten. Feuer brauche ich. Und Wasser.
Und einen Plan. Und am besten auch.…”
Ihr Kopf sinkt langsam nach vorne auf den Tisch.
Die ersten Sonnenstrahlen fallen durch ein Loch in der Wand und kitzeln
ihre Nase. Naras Augenlider flattern leicht, bis sie ihre Augen
verschlafen öffnet. Sie versucht sich zu orientieren und wischt sich den
Schlaf aus den Augen. Dann gähnt und streckt sie sich, bis ihr
schlagartig einfällt, in welcher Situation sie sich befindet und
aufspringt.
“Scheiße, ich bin eingeschlafen!”
Sie atmet aus und schaut sich um. Die Taverne sieht im Tageslicht nicht
besser aus als in der Nacht, eher schlimmer. Der Staub tanzt in den
Sonnenstrahlen, die durch die Ritzen fallen. Das Orkskelett liegt noch
immer unter dem umgestürzten Tisch.
“Guten Morgen, Dieter”, murmelt sie in seine Richtung.“Dann wollen wir
mal diesen Ort hier erkunden. Kannst ruhig liegen bleiben, ich mach das
schon.” Sie streckt sich noch einmal und steckt ihr Messer ein.
Sie tritt durch die Hintertür in den Hinterhof. “Ein Brunnen, Jackpot!”
Sie greift nach der Winde. Mit einem trockenen Knacken bricht sie unter
ihren Händen zusammen, Holzteile poltern auf das Pflaster. Seil und
Eimer bleiben jedoch hängen.
“Klasse.” Sie rollt die Augen, greift nach dem Seil und beginnt zu
ziehen. Der Eimer kommt widerstrebend hoch. Sie riecht daran und würgt,
“ok, doch kein Jackpot. Toll, jetzt darf ich mir also noch ein
Filtersystem bauen. Man nenne mich also ab sofort Nara MacGuyver von
Runenberg.” Sie schüttet den Eimer mit einem langen Stöhnen aus.
Zurück auf dem Marktplatz beginnt sie systematisch die anderen Gebäude
zu erkunden, die Hand immer griffbereit am Messer am Oberschenkel. Der
Platz ist wesentlich größer als er nachts gewirkt hat. Das Portal
flackert in der Mitte munter vor sich hin. Sie schaut das Portal scharf
an, “Guck nicht so, du könntest mir ruhig mal helfen.”
Sie betritt eine Schmiede, oder besser gesagt das, was davon übrig ist.
Das Dach ist teilweise eingestürzt, der Amboss liegt unter einem Balken
begraben. Werkzeug rostet vor sich hin. Der Ofen selbst scheint nicht
beschädigt zu sein. Der Weg dorthin ist jedoch mit Schutt vom Dach
blockiert.
“Nichts, was mir aktuell hilft”, sagt sie enttäuscht und geht weiter.
Als nächstes das Lagerhaus, welches sie in der Nacht als erstes betreten
wollte. Ein gewaltiges Loch im Dach hat alles dem Wetter ausgeliefert.
Was einmal darin gelagert war, ist längst verrottet.
“Mist, wäre ja auch zu schön gewesen.” Dann findet sie einige halbwegs
intakte kleinere Fässer. “Etwas rostig, aber daraus kann ich mir
bestimmt eine Filteranlage basteln.”
Dann ein Gebäude, das ähnlich aufgebaut ist wie die Taverne. In der
Mitte steht ein langgezogener Tresen, davor große Tische mit Sitzbänken.
An den Wänden stehen mehrere Anschlagtafeln, gespickt mit einigen
Nägeln. Von dem Papier ist längst nichts mehr übrig und alles ist zu
Staub zerfallen. Das Gebäude selbst scheint größtenteils intakt zu sein,
bis auf ein paar Löcher im Dach.
Nara stellt sich vor den Tresen und dreht sich zum Eingang und den
Tischen. “Liebe Leute, lasst uns den heutigen Einsatzplan besprechen.
Wir brauchen dringend Wasser und Nahrung. Hat irgendwer Ideen? Nein? War
klar.” Sie seufzt und verlässt das Gebäude durch eine breite Tür neben
dem Tresen.
Vor ihr erstreckt sich ein großer eingezäunter Platz. Alles ist
überwuchert, die Natur war fleißig und hat den Platz erobert. Nara bückt
sich und sticht mit ihrem Messer in den Boden. “Hätte ich eine Hacke
und Saatgut, könnte ich hier bestimmt ein kleines Feld anlegen.
Verfluchte Kirchenfutzis.” Sie feuert die Erdprobe wieder auf den Boden
und steht auf.
Dann steht sie vor dem größten Gebäude am Platz, zweistöckig und mit
Anbauten auf beiden Seiten, von dem die rechte Seite komplett
zusammengebrochen ist. Er besteht nur noch aus verkohlten Balken und
Schutt. Das Hauptgebäude und der Linke Flügel scheinen aber noch intakt
zu sein. Nara schreitet durch den großen Torbogen und findet dahinter
eine große Halle. Dann stolpert sie über einen quer liegenden Balken und
greift reflexartig nach dem Türrahmen. Sie fängt sich gerade noch.
“Arthengard eins, Nara null”, murmelt sie und schaut sich um. “Sieht
mir aus wie ein Rathaus. Mal gucken, ob ich irgendwas über diesen Ort in
Erfahrung bringen kann” Als sie den Tresen erreicht, zuckt sie kurz
zusammen. “Gott, habt ihr mich erschreckt.” Auf dem Boden liegen 2
Skelette, diesmal menschlich. Sie greift nach einem Leder gebundenen
Buch unterm Tresen und öffnet es, dabei zerfällt der Inhalt in feine
Krümel und verteilt sich über ihre ganze Kleidung.
Ein metallisches Klirren von draußen.
Sie erstarrt. Dann schlägt sie das Buch zu und schleicht sie zur Tür und
späht hinaus auf den Marktplatz. Aus dem Portal fliegt ein Gegenstand.
Dann noch einer. Dann mehrere auf einmal, sie schlagen auf dem Pflaster
auf und das Klirren hallt über den Platz.
Sie runzelt die Stirn. Beobachtet. Ein Sack. Ein Bündel Stoff. Eine Axt.
Dann weiten sich ihre Augen.